Die soziale Seite der Unabhängigkeit: Beispiel einer Katalanischen Politikerin aus Marokko

NajatDriouech_ERC_FotoVilaWeb

(Foto: Marc Puig)

17 Januar 2018:    

Weiter unten ist meine deutsche Übersetzung eines Interviews mit Najat Driouech, erste muslimische Abgeordnete des Katalanischen Parlaments für die links orientierte Partei Esquerra Republicana de Catalunya (ERC). Das Original-Interview auf Katalanisch von Andreu Barnils, Najat Driouech (ERC): Sóc una catalana nascuda al Marroc, fand am 6 Januar 2018 statt. Vielen Dank an die Zeitung VilaWeb.cat für Ihre großartige Arbeit und für die Erlaubnis ihres Direktors, Vicent Partal, ihre Artikel in meinen Blogs frei benutzen und übersetzen zu dürfen. Vielen Dank ebenfalls an Ralf Streck für seinen Vorschlag, als erstes diesen Artikel vom Katalanischen ins Deutsche zu übersetzen. Ich nehme die Aufgabe gern an, weil es mir wichtig ist, die wichtigsten Missverständnisse über den katalanischen Unabhängigkeitsprozess nach und nach zu beseitigen. Es ist falsch, dass die katalanische Unabhängigkeitsbewegung kaum von linken und sozialen Parteien unterstützt wird. Das Gegenteil ist der Fall: die katalanische Unabhängigkeitsbewegung lebt von sozialen Visionen und einer starken Sehnsucht nach Freiheit und kultureller Diversität. Ich möchte mit meinem kleinen Sandkorn dazu beitragen, die internationale Gemeinschaft qualitätsreicher über Katalonien zu informieren. Übrigens, ich bin Physikerin und selbstständige SAP Beraterin und keine Journalistin. Ich spreche 6 Sprachen aber meine Muttersprache bleibt Katalanisch und nicht Deutsch oder Englisch. Ich mache das alles nebenbei und kann nicht immer Freunde darum bitten, meine langen Texte Korrektur zu lesen. Ich bedanke mich für Euer Feedback und Nachsicht.

Interview mit Najat Driouech Ben Moussa (ERC)

Najat Driouech Ben Moussa ist die erste muslimische Abgeordnete des Katalanischen Parlaments. Vor ihr gab es zwei muslimische Männer. Sie ist die erste Frau in dieser Rolle. Sie ist Llicenciada (äq. zum deutschen Universitäts Diplom) in arabischer Philologie und Diplomierte in sozialer Arbeit, hat 17 Jahre Berufserfahrung im Ajuntament (Rathaus) de El Masnou und ist Professorin der Arabischen Studien an der Universitat de Barcelona (UB). Jetzt ist sie abgeordnete für Esquerra Republicana de Catalunya (ERC).
In diesem Interview erzählt sie uns über ihren Ursprung aus Marokko, ihre Ankunft in El Masnou (eine katalanische Stadt in der Nähe von Barcelona), über die Art wie sie es geschafft hat, die erste Frau in ihrer Umgebung zu sein, die ein Unistudium abgeschlossen hat und über die Wichtigkeit ihres Sohnes, zusammen mit der parlamentarischen Sitzung am 6en September 2017, für ihre Entscheidung, sich der katalanischen Politik zu widmen.
Frau Driouech spricht mit dem VilaWeb Team in einem telefonischen Interview, erfahren und selbstbewusst:

  1. Die katalanischen Wähler kennen Sie vielleicht noch nicht. Können Sie sich bitte kurz vorstellen?
    Ich bin 36 Jahre alt, komme aus El Masnou, wo ich seit 27 Jahren, seit 1990, lebe und bin im Marokko geboren. Was meine Ausbildung betrifft, bin ich Llicenciada in arabischer Philologie und Diplomierte in sozialer Arbeit, Master in Aufbau neuer kulturellen Identitäten und Postgrau in Immigration, Identität und Religionen. Was meine Berufserfahrung betrifft, arbeite ich seit 16 Jahren im Ajuntament (Rathaus) del Masnou, zuerst als Beraterin für Immigration und seit 6 Jahren als Beraterin für Arbeit und Bildung. Darüber hinaus bin ich Dozentin für Arabische Kultur als Master Studiengang der Universitat de Barcelona (UB). Ansonsten halte ich regelmässige Vorträge und Workshops, u.a. in lokalen Institutionen und im Europa Parlament.
  2. Wieso haben Sie sich jetzt entschieden, in die Politik zu gehen?
    Ich habe immer die Idee vertreten, dass Integration und Inklusion auf allen Ebenen durchgesetzt werden soll, z.B. wenn qualifizierte Dozenten unterschiedlicher Herkunft verfügbar sind, dann sollen sie in der Lage sein, einen Job in den Schulen zu bekommen; wenn es qualifizierte Journalisten unterschiedlicher Kulturen gibt, dann wollen wir sie in der Zeitung lesen können. Wieso sollte es in der Politik anders sein? Lass uns ehrlich sein, viele Leute sehen uns, Muslime, als Bürger zweiter Klasse aber ich bin stolz auf mein Volk. Wir müssen die Klischees beseitigen. Ich selber trage einen riesigen Rucksack an Klischees, wie ihr Euch kaum vorstellen könnt: Bin Frau, Muslimin, verheiratet und ich trage ein Kopftuch. Die westliche Gesellschaft hat uns dazu konditioniert, zu denken, dass das alles Symbol von Ignoranz ist. Nein. Ich sehe mich nicht als Ignorant. Ganz im Gegenteil. Lernen definiert meine Persönlichkeit.
  3. Sie erzählen uns, dass einer Ihrer Söhne wichtig bei Ihrer Entscheidung war, eine politische Karriere anzufangen…
    Ja, der älteste, 9 Jahre alt. Ich erinnere mich, ich hatte am 6 und 7 September 2017 Urlaub und habe zusammen mit meinen Kindern die Parlamentssitzungen im Fernsehen geschaut, weil Politik mich immer interessiert hat. Diese Tage waren besonders wichtig und mein ältester Sohn fragte mich, wer diese Leute im Fernsehen waren. Ich antwortete, dass sie Politiker waren, die das Volk repräsentieren, weil wir, das Volk, sie gewählt haben.  Da fragte er eine Weile später, “Du sagst, sie repräsentieren uns. Ist das wirklich so? Ich bin mir nicht sicher, Mama”. “Wieso nicht”, fragte ich ihn? “Weil keiner aussieht so wie du”, sagte er dann.
  4. Ihr Sohn war ganz schlau…
    Ja. Er ist weiter gegangen und sagte, “Wir sind angeblich Katalanen, oder?”. Ich antwortete, “Und ob wir es sind!”. Dann sagte er, “Aber wir sind arabische Katalanen.”. “Sicher”, antwortete ich. “Ich sehe keinen arabischen Katalanen im Parlament. Repräsentiert sind wir nicht so richtig.”, sagte er dann. Und diese unschuldige Überlegung eines Kindes brachte mich zum Nachdenken, dass die Integrationsarbeit, die ich bisher gemacht hatte, nur der Anfang war. Die Vorträge, Vorlesungen an der Uni, Workshops, etc. Alles sehr schön aber die Kinder wachsen auf, fühlen sich gleich wie die anderen und am Ende sehen sie sich nicht auf allen Ebenen repräsentiert, wie ich es für richtig halten würde. Diese Überlegung hat mich auch dazu gebracht, in die Politik zu gehen.
  5. Und wieso ausgerechnet bei der Partei Esquerra Republicana de Catalunya (ERC)?
    ERC ist bisher die einzige Partei in der Regierung, die das Thema Diversität ernst genommen und aktiv was gemacht hat. Das an sich war für mich wichtig genug als Argument. Oriol Amorós, als ERC Immigrationssekretär, hatte Immigrationsexperten im Feld und hat ihre Vorschläge sehr ernst genommen, z.B.  den Leuten realen Chancen gegeben, nicht nur, sagen wir, auf Platz 40 der Liste. Das zeigte mir, dass ERC mutig ist. Bestimmt gibt es Widerstand von Rechts- oder Rechtsextremen Parteien, wenn man solche fortschrittliche Vorschläge durchsetzen möchte. ERC hat bewiesen, dass sie eine Partei sind, die an Diversität glaubt und keine Angst hat. Deswegen stehe ich auf Nummer 10 der Liste. Auf der Poleposition sozusagen! 
  6. Was die Unabhängigkeit Kataloniens betrifft, wie stehen Sie dazu?
    Ich glaube an das Selbstbestimmungsrecht der Menschen. Ich habe auch am 9 November 2014 gewählt. Meine Eltern haben auch gewählt und auch meine Geschwister. Am 1-O (1 Okotber 2017) ging ich auch wählen. Zu einem demokratischen Land gehört dazu, dass die Menschen das Recht haben, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden. Ich verstehe nicht, wieso die Leute Angst haben. Vielleicht ist das Ergebnis sogar ein Nein… Man muss keine Angst haben, egal wie es ausgeht!
  7. Keiner kann Ihnen versichern, dass Sie nicht auch vor Gericht müssen, wie die spanische Politik momentan aussieht… Haben Sie das immer vor Augen?
    Tja. Lass uns hoffen, dass die Demokratie wirklich demokratisch bleibt und dass die Ergebnisse der katalanischen Wahl respektiert werden. Schauen wir mal, was “sie” zulassen werden. Werden wir in der Lage sein, eine Regierung bilden zu dürfen? Vielleicht nicht? Ich bin keine Hellseherin. Man kann kaum über “morgen” reden, weil der Artikel 155 der spanischen Verfassung noch nicht aufgehoben ist. Wir haben noch keine Regierung. Schau’ma mal.
  8. Sie sind Frau und tragen Kopftuch. Müssen Sie Beschimpfungen aushalten?
    Ich lebe in El Masnou und da habe ich nie Probleme gehabt, nicht vor und auch nicht nach meiner politischen Entscheidung. Wirklich nie. Ich habe Freundinnen mit 8 katalanischen Nachnamen, die sich ärgern, weil ich in den sozialen Netzwerken sehr wohl einige Beschimpfungen aushalten muss. Sie sind diejenigen, die antworten und sagen “Wieso beschimpft ihr sie? Weil sie Kopftuch trägt? Verdammt! Wir kennen sie, wir sind Freunde seit mehr als 20 Jahren, sie hat auch studiert! Eure Vorurteile sind blödsinnig!” All das sagt mir halt, dass das Thema Kopftuch in einer katalanischen Gesellschaft des XXI Jahrhunderts irgendwann in eine anekdotische Ecke gehört. Wie meine Freunde sagen: “Wieso könnt ihr nicht einfach die Person wertschätzen und nicht was sie anhat?” Ich werde nicht versuchen, allen Recht zu machen, wie ich auch nicht erwarte, dass alle mich mögen. Es ist mir klar, dass ich Kritik bekommen werde aber ich habe auch Kritik in meiner eigenen Gemeinde bekommen, weil ich anders war. Die marokkanischen Freunde meiner Eltern denken, dass ich ganz anders bin als ihre eigenen Söhne und Töchter.
  9. Anders? Wieso anders?
    In El Masnou war ich die erste in der arabischen Gemeinschaft, die in die Uni ging. Echt die Erste. Die Mädchen in meinem Alter heirateten mit 18, 19 Jahre. Einige Leute haben uns als eine Gefahr angesehen. Nur nachdem sie festgestellt haben, dass ich, sagen wir, ein bisschen wichtig geworden bin, sind sie gekommen und haben sich entschuldigt. “Entschuldige, wir haben uns geirrt.”. Jedes innovative Element, das irgendeinen Einfluss auf das Leben ihrer Kinder hatte, sahen sie außerhalb ihrer Kontrolle. Danach kam aber die Wandlung. Die gleichen Menschen kamen, um mir zu gratulieren, nachdem die Ergebnisse der Wahl klar waren. Da fühlten sie sich geehrt. Keiner hat mich angegriffen. Ganz im Gegenteil. Meine alten katalanischen Freunde waren sehr froh für mich. Die mit marokkanischem Ursprung auch. Leute aus Terrassa, Girona, Lleida, Tarragona, Barcelona, aus anderen Orten im spanischen Staat, aus Belgien, aus Frankreich, haben mir unterstützende Worte geschickt. Marokkaner aus aller Welt haben sich mit mir in Kontakt gesetzt, um mir zu gratulieren. Verwandten, die mich bei Al-Jazira TV gesehen haben, waren stolz auf mich. Die Resonanz war sehr positiv.
  10. Und wieso sind Sie die erste Frau der arabischen Gemeinschaft in El Masnou, die in die Uni gegangen ist? Dank Ihrer Eltern oder Dank Ihrer Eigenwilligkeit?
    Mein Vater hat den ganzen Tag gearbeitet und ehrlich gesagt, haben wir ihn als Kinder kaum gesehen. Er arbeitete auf dem Bau und kam immer spät nach Hause zurück und am Wochenende hat er in einem Restaurant gearbeitet. Ihr müsst es Euch so vorstellen, dass wir 5 Geschwister waren und El Masnou ist auch nicht so billig. Meine Mutter hat als Putzfrau bei fast allen Haushalten in der Altstadt gearbeitet. Meine Eltern gingen nie zur Schule. Aber die Geschwister meiner Mutter schon. Alle außer die 3 älteste haben ein Studium. Das ist ein Thema, was meine Mutter geprägt hat, weil sie eine sehr intelligente Frau ist und sehr unternehmerisch aber sie hatte keine Chance, zur Schule zu gehen. Im Marokko fangen die Kinder in der Schule mit 7 Jahren an. Sie brachte mich zur Schule als ich 5 und halb Jahre alt war. Sie hat mit dem Lehrer gesprochen und ihn darum gebeten, mich als “Zuhörerin” zu nehmen. Dazu kommt, dass ich Lernen immer geliebt habe und nie aufhören möchte, zu lernen. Ich will mich jeden Tag übertreffen.
  11. Und Ihr Mann, wie steht er dazu, dass seine Frau berühmt ist?
    Er arbeitet in der Metalindustrie. Nix mit meinem Umfeld zu tun. Ganz andere Geschichte. Aber ich werde Euch sagen, dass er Teil meines Erfolgs ist. Er kennt mich doch ja und meine Fernsehsendungen und die Tatsache, dass die Leute mich auf der Straße begrüßen… “Du muß es für Dich tun, weil wenn du es nicht tust, dann dauert es, bis dass unsere Kinder es tun”. Ich sage es immer wieder: Wir werden nicht zurück zum Marokko. Ich kam nach Katalonien als ich 9 Jahre alt war und ich gehe nicht zurück, außer natürlich in den Urlaub. Entweder nehmen wir ernst, dass wir Teil dieser Gesellschaft sind, zwar vollständig, oder es wird das gleiche wie in Frankreich passieren. Isolierung und Ghettos in der Großstadt. Das wollen wir nicht. Nicht für uns und auch nicht für unsere Kinder.
  12. Sie sind die erste Frau als muslimische Abgeordnete des Parlaments. Männer hat es bereits gegeben…
    Mohammed Chaib (PSC) (Sozialdemokratische Partei Kataloniens), als Montilla President de la Generalitat war. Und Chakir El Homrani, heute mit Esquerra Republicana de Catalunya (ERC). Wenn ich mich nicht irre, gibt es in Niederlande und Belgien seit Jahren muslimische Frauen in der Politik. Über das Marokkanische Parlament reden wir nicht mal. Der Spanische Staat hatte mal eine Frau, denke ich, und sie war in Melilla, für die PP (Partido Popular). Nur eine Frau und ausgerechnet Melilla. Wie traurig.
  13. Wie sieht der katalanische Unabhängigkeitsprozess in den Augen der marokkanischen Katalanen aus?
    In den katalanischen Kleinstädten ist die soziale Integration sehr positiv. Die Leute engagieren sich und nehmen Teil. Insbesondere die jüngere Generation, die studiert hat und mit einer demokratischen Kultur aufgewachsen ist. Viele von uns sind für den katalanischen Unabhängigkeitsprozess. Andere haben aber noch den “Felipe” im Kopf.
  14. Was für Felipe?
    Felipe González von der PSOE (Sozialdemokratische Partei Spaniens). Einige Leute aus der Generation meiner Eltern wählen sie noch, weil sie die Partei war, die ihnen einst die Aufenthaltsgenehmigung gegeben hat oder damit “der andere nicht gewinnt”.
  15. Wollen Sie noch was hinzufügen?
    Wenn die Hauptidee des Interviews war, dass ich mich vorstelle, möchte ich abschließend sagen, dass ich eine Katalanin bin, die in Marokko geboren ist. Ich sehe mich als soziale Aktivistin. Ich bin in die Politik eingestiegen, weil es wichtig für die Sichtbarkeit meiner Arbeit ist aber ich muss auch was klar stellen: Ich kandidierte definitiv nicht, nur um ein Kollektiv zu repräsentieren. Ich möchte alle Bürger und Bürgerinnen repräsentieren, nicht nur einen Teil. Es ist klar und logisch, dass ein Teil der Gesellschaft sich mit mir direkter identifizieren wird. Ich habe eine konkrete Vergangenheit und einen konkreten Ursprung aber mein Ziel ist nicht eine Minderheit, sondern die ganze Bürgerinnen und Bürger zu repräsentieren. Die Rechtsextreme können dann auch nicht sagen, dass ich nur “meine Leute” vertrete und “nur für sie arbeiten werde”. Politiker müssen für alle arbeiten. Das ist für mich selbstverständlich.

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